Björn Höckes Lösungen

Auch ich habe jetzt das Wahlkampfmaterial mit Björn Höcke gesehen. Eine über vierstündige Begegnung mit “Ben” auf seinem Kanal “ungeskriptet”, in der sich der Thüringer Landesvorsitzende der AfD vor dem unkritischen und uneinordnenden Interviewer frei präsentieren konnte, wie er wollte. Ich will Ben nicht verurteilen. Er tut nicht so, als sei er Journalist, gibt trotz BWL-Studiums, Consultingvergangenheit und Berliner Start-Up-Szenen-Background mehrmals offen zu, von nichts eine Ahnung zu haben, und darf letztendlich mit seiner Plattform machen, was er will. Auf seinem Kanal sprachen Impfgegner, Menschen mit Hellsicht, irgendwer mit Aliens, und jetzt halt der Höcke.

Als Tilo Jung 2024 sechseinhalb Stunden Maximilian Krah bei sich hatte, konnte Krah für viele überzeugend einen Intellektuellen spielen. Viele sagten über Jung, er habe mit seiner Einladung dem rechten Flügel den Ball zugespielt und dann nicht genug Konter gegeben. Erst spät im Video wurde Krah vom Journalistenveteranen Hans Jessen, der verstand, dass Philosophen benennen nicht bedeutet, dass man sich ernsthaft mit ihnen beffast hat, freundlich demontiert. Wer denkt, Jung forderte seinen Gast kaum heraus, hat Ben noch nicht gesehen. Ben finanziert seinen Kanal über Werbung, und ich würde ihm vorschlagen, beim nächsten Interview mit einem AfD-Politiker Geld von der Partei zu nehmen.

Ben Berndt von “ungeskriptet”.

Die AfD will Migration, Multikulturalität, den Ausbau grüner Energiequellen, die Öffnung der Gesellschaft für nichtbinäre Menschen und den kritischen Umgang mit deutscher Geschichte stoppen, wirbt für Impfgegner und (andere) Verschwörungstheoretiker. Anfang Mai 2026 steht sie bei etwa 27% führend in bundesweiten Umfragen. Wie bei ähnlichen Quatsch- und Todeskulten in anderen Ländern stellt man sich deshalb die Frage, ob es denn bei der Unterstützung der AfD ein Limit gäbe, vielleicht bei 8%, oder 15%, oder 20%, oder 30%. Was immer dieser Wert ist, die AfD weiß, dass sie weiteren Einfluss gewinnen kann, wenn sie, nachdem sie die Rechten, einschließlich der Rassisten und Reichsdeutschen, bewusst eingetütet hat, sich jetzt als Gruppierung grundanständiger Bürger gibt. So wählt Höcke, als er von Ben mit der Frage “Haben wir aus Ihrer Sicht noch was vergessen?” bedient wird, den Satz “Ich bin ein normaler Mensch”, und hier wird die durchsichtige Taktik am klarsten.

Höcke versucht sich auf dem Drahtseil an die Version von Rechts, die sich als massentauglich gezeigt hat. Er spricht von seinem klugen Papa, ohne zu erwähnen, dass dieser Abonnent von der Blut-und-Boden-Publikationen “Die Bauernschaft” aus dem holocaustleugnenden Verlag von Thies Christophersen war. Höcke erzählt von seiner Karriere als Lehrer und seinem Eintritt in die Partei, ohne zu erwähnen, dass er unter dem Namen “Ludolf Ladig” für die Neonazizeitschrift “Volk in Bewegung & Der Reichsbote” schrieb und unter anderen behauptete, der zweite Weltkrieg sei als Präventivschlag gegen den damaligen Antiglobalisten Deutschland zu verstehen. Höcke hat milde Kritik an den Nazis, doch verurteilt in seiner normalen Menschenstimme die “systematische Zerstörung eines Volkes”, geht es nicht um die Nürnberger Rassengesetze oder die Wannseekonferenz, sondern um Beschlüsse der CDU, SPD, Grünen, FDP, Linken, und des BSW heute in den Landtagen und im Bundestag. Diesmal gab es keine Erwähnung von afrikanischen vs. europäischen Menschentypen, aber Gefasel von der Waldseele der Deutschen, Frühlingsgedichten, Weihnachtsliedern, und wenn ein Döner sauber ist, ist er irgendwie “deutsch”. Und “Alles für Deutschland”, na, dass dies ein Slogan ist, den die Nationalsozialisten für sich beanspruchten, das hätte der Geschichtslehrer ja nicht wissen können.

Interessant fand ich Höckes Lösungen gegen Multikulti und den Verlust dessen, was er als deutsche Seele bezeichnet. Hier also der Begriff “Remigration”, den Ben genauso annimmt wie den Begriff “Kartellparteien”. Ben bietet Höcke an, Details zu ignorieren (“Nehmen wir an, Sie könnten die logistischen Probleme lösen.”), aber Höcke ist überzeugt genug, dass er sie auslegen mag. Was folgt, sind Vorschläge, die anderswo, wo AfD-Pendants regierten oder regieren, gescheitert sind. Höcke beschreibt im Grunde die britische Lösung gegen Einwanderung, die vor mehr als zehn Jahren von einer Innenministerin Theresa May zur Staatsräson erklärt wurde und von rechten Lichtgestalten wie Boris Johnson, Liz Truss, Priti Patel und Suella Braverman mit zunehmender Intensität umgesetzt wurden. Damals wollte May geschichtsträchtig “a really hostile environment for illegal migration”. Darunter versteht man heute, dass man denjenigen, die auf die Insel kommen, nur das Allernötigste gibt, und keine Möglichkeit für Bildung oder Arbeit, oder, in Höckes Worten, “Bett, Brot und Seife”. Das sollte Deutschland unattraktiv machen, sagt Höcke, aber nein, die Zahl der Flüchtenden nach Großbritannien blieb hoch, und nun sitzen Leute aus Eritrea oder Afghanistan mit nichts zu tun in Hotels und Pensionen, und vor diesen Unterkünften stehen dann die “besorgten Bürger”, schimpfen und schwenken englische Fahnen. Der bei der AfD populäre “Ruandaplan”, nachdem die ostafrikanische Republik von Großbritannien Geld bekam, um Flüchtlinge aufzunehmen, kostete 700 Millionen Pfund. Sie führte zu vier Ausweisungen, Blamagen vor den Gerichten und damit zu heutigen Forderungen, aus der Europäischen Menschenrechtskonvention auszutreten. Schließlich, und nachdem das Parlament unter der konservativen Regierung von Rishi Sunak Richtern verbat, den Status von Ruanda als sicher anzufechten, brach ein erneuter Krieg zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo aus, und das war das Ende dieser Farce.

Und so bin ich mir sicher, dass der normale Mensch Höcke, zusammen mit Alice Weidel und Kollegen, erst einmal an der Macht, zurück zu den Wurzeln gehen wird, denn vieles ist möglich, wenn man zur Gewalt gegen Migranten bereit ist, auch zur Waffengewalt, wie Beatrix von Storch berühmterweise vorschlug. So käme man zu einer Version von Trumps auch unter Amerikanern unpopulären Remigration, die allein für die Einwanderungsbehörde ICE 100 Milliarden kostet, ganz abgesehen von dem Schaden für Betriebe, dem Verlust von Menschenleben und letztlich auch des Anstands einer Gesellschaft. Trumps Programm trifft auch Familien lateinamerikanischer Herkunft, die den Präsidenten 2024 unterstützten, weil er ihnen versprach, dass die Rückführung nur Gangmitglieder, höchstens jedoch neue Migranten treffen würde. Das als Warnung an den türkischstämmigen Dönerverkäufer mit deutschem Pass, über den Höcke zum Thema Remigration sagte, man könne als Regierung ja nur soundsoviel tun, Schaden sei bereits angerichtet.